Die Top 10 der deutschen Sprachfallen: Teil 3

Die Top 10 der deutschen Sprachfallen: Teil 3

 

Heute geht’s (oder gehts?) in die finale Runde der Top 10 der deutschen Sprachfallen. In dieser eher zweifelhaften Hitparade wird mit Fehlern aufgeräumt, die in deutschsprachigen Breitengraden jeden Tag aufs Neue begangen werden. Teil 1 und Teil 2 sind hier und hier nachzulesen, aber jetzt nochmal die Ohren spitzen: In die eine oder andere der folgenden Fehlerfallen ist nämlich jeder von uns schon mal mit voller Wucht getappt.

Die verzweifelte Suche nach Sprachfallen

 

7. Der Deppenapostroph

In einer Hitliste zu den beliebtesten Fehlern darf natürlich eines nicht fehlen: Die inzwischen gemeinhin als Deppenapostroph bekannte Neigung, an allen möglichen und unmöglichen Stellen einfach mal einen Apostroph zu setzen. Das ist sicherlich als Interferenz aus dem Englischen zu werten, aber sprechen und schreiben wir denn nun alle besser Englisch als Deutsch?
Bevor der deutsche Muttersprachler einen Apostroph setzen möchte, sollte er am besten kurz in sich gehen. Es könnte nämlich sein, dass das Englische die Oberhand gewinnt und dass wir der Apostrophitis verfallen sind, also beinahe willkürlich an Stellen Apostrophe setzen, wo kein Mensch sie braucht.
Im Deutschen muss gar nur in zwei Fällen ein Apostroph gesetzt werden.

Erster Fall: Zwingend gesetzt wird ein Apostroph, um den Genitiv bei Personennamen zu kennzeichnen, die auf einen Zischlaut (z. B. s, x, z, tz) enden.

Beispiele:

Das war Max‘ Idee.
Es sind Franz‘ Kinder.
Ich habe Günter Grass‘ wichtigste Werke gelesen.

Achtung: Ansonsten wird beim deutschen Genitiv in der Regel kein Apostroph gesetzt:
Beispiele: Annas Schuhe, Stefans Geburtstag, Sonjas Würstelstand, Merkels Politik

 

Zweiter Fall: Bei Auslassungen darf in bestimmten Fällen ein Apostroph gesetzt werden.

Grundsätzlich ist ein Apostroph bei Auslassungen zu setzen, wenn die verkürzte Form ansonsten schwer lesbar wäre oder zu Missverständnissen führt (und zwar nur dann).

Beispiele:
So ’n Glück.
’s ist zu früh.

Nicht mehr zwingend ist die Verwendung des Apostrophs beispielsweise, wenn „es“ zu „s“ verkürzt wird. Hier sind zwei Schreibweisen erlaubt.

Beispiele:
Mir geht’s gut/Mir gehts gut.
Sag’s mir/Sag es mir.
Halten Sie’s noch aus?/Halten Sies noch aus?

 

ABER: In den folgenden Fällen wird kein Apostroph gesetzt:
Beim Genitiv: Philipps Enthusiasmus, Sonjas Idee
Verschmelzung von Präposition und Artikel: das drückt mir aufs Gemüt, er redet mir ins Gewissen
Beim Plural von Abkürzungen: LKWs, PKWs, CDs

 

8. Unterschied zwischen „scheinbar“ und „anscheinend“

Wie? Es gibt einen Unterschied zwischen „scheinbar“ und „anscheinend“? Natürlich, und der ist je nach Kontext gar nicht so unwesentlich. Auch wenn selbst Journalisten das immer wieder durcheinanderbringen: „scheinbar“ und „anscheinend“ sind keine Synonyme.

Scheinbar“ zeigt nämlich an, dass ein Sachverhalt nur dem Anschein nach so ist, es sich in Wahrheit aber anders verhält. Es handelt sich hier um eine irreale Aussage.
Beispiel: Sie führen scheinbar eine glückliche Beziehung.
Bedeutung: Die Beziehung wirkt für Außenstehende vielleicht glücklich, in Wirklichkeit ist sie das aber nicht.

Anscheinend“ hingegen besagt, dass ein Sachverhalt genau so ist, wie er erscheint. Es handelt sich hier also um eine Annahme.
Beispiel: Sie führen anscheinend eine glückliche Beziehung.
Bedeutung: In diesem Fall wird ausgedrückt, dass die Beziehung nicht nur nach außen, sondern höchstwahrscheinlich auch tatsächlich glücklich ist.

Zur Verdeutlichung noch ein paar Beispiele:

„Das Meer ist scheinbar unendlich tief“ (in der Realität ist es das nicht, deshalb „scheinbar“), aber „Sie hat das Geld anscheinend doch noch bezahlt“ (nachdem ich den Eingang des Betrags auf dem Kontoauszug sehe).

 

9. wegen des Genitivs/während des Vortrags (Genitiv)

Besonderer Beliebtheit erfreut sich auch die falsche Verwendung der Fälle in Verbindung mit den Präpositionen wegen und während. Nach diesen steht immer Genitiv (und somit niemals Dativ). Korrekte Formen sind etwa „wegen des Hundes, „wegen des Besuchs“, „während des Films“, „während des Kurses“. Im Umkehrschluss ist „wegen dem Film/wegen dem Besuch“ nicht richtig.

Falsch ist übrigens auch die Form „wegen mir“: Das mag für unsere Ohren absolut in Ordnung klingen, aber hier liegt dieselbe Art von Fehler vor – „mir“ wäre Dativ und ist somit nicht korrekt. Richtig ist „meinetwegen“.

 

10. „Frägt“ er, ob das Obst schon „verderbt“?

Wenn wir uns ansehen, wie es um unsere Sprachkenntnisse so steht, sollte ein inzwischen allseits beliebter Problemfall unsere Alarmglocken besonders laut schrillen lassen: falsch verwendete Verbformen. Da werden wir in grammatikalisch höchst zweifelhafter Form zum Beispiel mit den folgenden Aufforderungen konfrontiert: „Werf mir doch den Bleistift rüber!“, „Sprech mal langsamer!“ oder „Les nicht immer laut mit!“
Kannst du noch weiterlesen oder tut es schon weh? Es wäre natürlich schade, wenn diese falschen Imperative gewönnen, denn richtig ist nur „wirf!“, „sprich!“ oder „lies!“ etc.

Noch eine Stufe höher in der Grausamkeit liegen Verbformen wie „er lest“ (er liest), er frägt (er fragt), „ich frierte“ (ich fror) oder „es verderbt“ (es verdirbt).

 

Natürlich verändert sich unsere Sprache im Laufe der Zeit und vermutlich werden sich verschiedene Verbformen allmählich aus dem alltäglichen Gebrauch verabschieden. Nichtsdestotrotz sollten wir versuchen, es nicht zu weit zu treiben. Ansonsten müssen wir uns irgendwann dafür entschuldigen, richtige Formen überhaupt zu kennen.

Sandra Götz

Sandra Götz

sandra.goetz@lingarts.com

Sandra ist Inhaberin von LingArts und arbeitet hauptberuflich mit der wunderschönen Welt der Sprachen und der Kommunikation. Als Dolmetscherin, Sprachtrainerin und Lektorin sorgt sie für eine reibungslose Kommunikation in den Sprachen Deutsch, Spanisch, Italienisch und Englisch.

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